Zwischenruf: Übermut tut selten gut!

Die positive wirtschaftliche Entwicklung des Naturkostfachhandels ist auch als Indiz für die zunehmende Professionalisierung in der Branche zu verstehen. Steht der Biofachhandel also vor weiteren "goldenen Jahren"? Ein kritischer Zwischenruf von Klaus Braun...

Die Branche kennt nur eine Richtung

Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung des Naturkostfachhandels  über die vergangenen Jahr(zehnt)e, so fällt neben beeindruckenden Wachstumszahlen die stetig zunehmende Professionalisierung als positiver Trend ins Auge, der sich auch in den grundlegenden Kennzahlen widerspiegelt:

Bioladen Umsatz seit 2003
Wachstum im Fachhandel seit 2003
  • Der Umsatz der Branche lag 2013 bei 2,5 Mrd. Euro, in den vergangenen 10 Jahren haben sich die Umsätze verdoppelt.
  • Kein Ende in Sicht: Die Umsätze im ersten Halbjahr 2014 sind knapp zweistellig gestiegen.
  • Die Anzahl der Verkaufsstätten liegt stabil bei gut 2.500
  • Die Gesamt-Verkaufsfläche hat sich in 10 Jahren mehr als verdoppelt, die Anzahl der Geschäfte über 400 m² hat sich versechsfacht.
  • Bei einer realisierten (Netto-)Handelsspanne von klar über 30 Prozent und anteilig stabilen Kosten werden Betriebsergebnisse zwischen 5 und 7 Prozent vom Umsatz erzielt. (vgl. Naturkost Kompendium 2014)

 

Also alles bestens, weiter so!

Nein! Ich befürchte, dass derzeit (zu) viele Akteure jeder Handelsstufe dazu neigen sich auf den aktuellen wirtschaftlichen Gewinnen auszuruhen, und damit in ihrer Erfolgsphase die Grundlage für baldiges Scheitern zu legen: Sie sind primär damit beschäftigt, den aktuellen monetären Erfolg zu festigen – und das leider mit den herkömmlichen Konsolidierungs-Mechanismen der konventionellen Wirtschaft:

Hersteller Innovation in der BioBranche
Neuheiten auf der Biofach 2014

Manche Hersteller verwechseln Verpackungs-Relaunches mit Innovation, und Produktentwicklung beschränkt sich häufig auf ‚copy & paste‘. Wunderbar, dass der Vegan-Hype in die Welt kam und auf die Biobranche ausstrahlen und gelenkt werden konnte – doch eigentlich war dies ein Geschenk von außen, nicht selbst verursacht. Wo bleiben echte Produktinnovationen aus der Branche heraus? Ist die Auslastung der neuen Maschinen durch Produktion von Handels- und (billigeren) Zweitmarken nicht viel eher ein Weg in Abhängigkeit statt in selbstbewusstes Aufzeigen unternehmerischer Innovationskraft und Zukunftstärke?

Großhändler agieren zwischen den Rollen als Fullservice-Dienstleister und Logistiker; der damit verbundene ‚Konditionen-Spagat‘ wird immer schwieriger. Wenn die Biobranche schon in einer konsequent dreistufigen Handelsstruktur agiert, warum sind so wenige Versuche erkennbar (und erfolgreich), dort Synergien zu erzielen, gezielt Spezialisierungen und  Besonderheiten zu entwickeln? Es wird auf Dauer einfach zu teuer sein, fast jedem Fachhändler ein halbes Dutzend Vorlieferanten mit einem Vollsortiment zur Wahl zu lassen. Wenn Wettbewerb über den Preis ausgetragen wird, geht das in der Regel zu Lasten der Qualität. Und der Kapitalismus hält hierfür bei ausbleibendem Erfolg zwei ‚Lösungswege‘ parat: Sich billig aufkaufen lassen - oder in die Insolvenz gehen. So "bereinigt" sich ein Markt von "überflüssigen Akteuren". Soll das der Weg sein?

Bioladen mit Obst und Gemüse
Inhabergeschäfte vs Filialbetriebe?

Und im Einzelhandel verschiebt sich der Wettbewerb immer stärker von einem konkurrierenden System unterschiedlich aufgestellter inhabergeführter Betriebe zu einem Strukturwettbewerb, in dem filialisierte Systeme einen rasant größer werdenden Teil des Marktes okkupieren. Auch wenn vielerorts die inhabergeführten Einzelhandelsbetriebe noch dagegen bestehen können, so ist doch in manchen Großstädten bereits festzustellen, dass die Filialisierungswelle (auf hohem Ladengestaltungs-Niveau) mit zunehmender Gleichförmigkeit, Anonymität und Langeweile im Angebot einhergeht. Wo ist die (neue) Generation von Händlern, die mit Mut und Unternehmergeist einzigartige Konzepte und damit Einkaufserlebnisse für die Verbraucher entwickeln? Und das stellt die Frage nach einem selbstbewussten, individuellen unternehmerischen Vorgehen, nicht nach weinerlichem Einfordern einer Belohnung und Anerkennung für (vermeintliche oder tatsächliche) vergangene Leistungen.

Macht sich der Fachhandel überflüssig?

Der Fachhandel im Wettbewerb
Klaus Braun

Ich sehe die Gefahr, dass der Naturkostfachhandel auf seinem Professionalisierungs- und Konsolidierungs-Weg dabei ist, seine Rolle als ‚Sauerteig‘ im Lebensmittelhandel abzugeben! Ein Verzicht der Branche auf die Vorreiterrolle wird umso schwerer wiegen, als sich offensichtlich die Erwartungen der Biokunden verändert haben und sich weiter verändern werden: Genügte ganz früher ‚Alles Bio-Pur‘ als kaufentscheidendes Profilierungsmerkmal, ist dies mittlerweile mutiert zu einem ‚Bio-Plus‘; und dieses ‚Plus‘ tritt dabei in einer Vielfalt unterschiedlichster Facetten auf : Begriffe wie Genuss, Fairtrade, Regionalität, Manufakturen, Slow Food und Vegan ersetzen quasi „nebenbei“ die Alleinstellungsmerkmale, die Bio ursprünglich von der „Grauen Masse“ des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels abgehoben, und damit stark gemacht haben.

Was ist zu tun?

Die Biobranche sollte nicht riskieren, dass der nächste Entwicklungsschritt der Verbrauchererwartungen sein wird, dass dieses ‚Plus‘ in die erste Reihe kommt und ‚Bio‘ damit zweit- oder drittrangig (und mittelfristig überflüssig) wird! Es sollte zeitnah intensiv und öffentlichkeitswirksam daran gearbeitet werden, dem Verbraucher ein gemeinsames, handelsstufen- und vertriebsstätten-übergreifendes Bild dessen zu schaffen, wo die Biobranche zukünftig Vorreiter, Spezialist und unvergleichbar im Lebensmittelhandel sein will und wird. Dafür kann es auch notwendig sein, wieder neu miteinander zu reden und eingefahrene Unterschiede zugunsten der Gemeinsamkeiten zu überwinden... Vielleicht sind Bruderhahn-Initiative, Gemeinwohlbilanzen oder der kürzlich erfolgte Zusammenschluss zum Gesamt-BNN Zeichen dafür, dass diese Notwendigkeit gespürt wird.


 

Wie sehen Sie die aktuellen Herausforderungen in der Bio-Branche?

Was bedeutet die gute Umsatzentwicklung im Fachhandel aus Ihrer Sicht?

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Jan (Mittwoch, 30 Juli 2014 16:37)

    Hallo,
    interessante Ansätze. Allerdings habe ich den Eindruck dass auch die Bio-Branche inzwischen zu sehr vom Kapital und monetären Interessen gelenkt wird, als dass sich etwas ändern wird. Die Hersteler mit gelebten Idealen sterben aus und sind schon heute nur noch "Ausnahmen" von der Regel. Einfach traurig.