Rückblick zum Marktgespräch: "Einfach anders!"

Wie sieht die Zukunft des Fachhandels aus? Zu dieser Frage versammelten sich am 16.November rund 120 Teilnehmer zum ersten Marktgespräch in Fulda. Drei Referenten hielten spannende Vorträge, worauf sich lebhafte Diskussionen im Plenum und auch im Umfeld der Veranstaltung ergaben. Eine persönliche Rückschau von Simon Döring...


Ein gemeinsamer Blick über den Tellerrand

Naturkosthandel Branchenentwicklung
Neugier und Erwartungen bei den Teilnehmern

Obwohl die Kommunikationsberatung Klaus Braun auch als Mitorganisator der Veranstaltung tätig war, hatte ich das Vergnügen den Tag "nur" als ganz normaler Teilnehmer erleben zu dürfen: Da ich mit den Planungen im Vorfeld nur ganz am Rande in Berührung gekommen war, bin ich wie die meisten anderen Besucher voller Neugier und sicherlich auch mit einigen individuellen Erwartungen nach Fulda angereist. Die zu beobachtenden aktuellen Entwicklungen im Naturkostfachhandel bringen viel Dynamik in einen immer noch schnell wachsenden Markt. Und wie viele andere Akteure frage auch ich mich, wie es mit den "traditionellen Bioläden" in den nächsten Jahren weitergehen wird! Als vermeintlicher Branchenneuling (...ich bin jetzt ja auch schon vier Jahre als Berater unterwegs!) lerne ich aber an solchen Gelegenheiten immer noch viel über die tatsächlichen Strukturen und Mechanismen, welche die Menschen und Unternehmen in der Bio-Szene prägen und beschäftigen. So versprach dieser Tag für mich auch unabhängig von der offiziellen Podiumsdiskussion in jedem Fall wieder einiges "Neues" an Einblicken...

Welche Entwicklungen und Trends für den Naturkostfachhandel in Zukunft prägend sind, sollte durch drei Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgezeigt werden. Die Bio-Branche bewegt sich hier nicht außerhalb der Gesellschaft, und kann daher durchaus auch vom Input aus konventionellen Strukturen lernen. Das Marktgespräch soll Unternehmen eine Plattform bieten, auch mal gemeinsam über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen: Auch (oder gerade) wenn man sich selbst als "anders" definiert, kann es helfen sich hin und wieder mit gleichen Fragen auseinanderzusetzen, mit denen sich "der Mainstream" gerade konfrontiert sieht. Aus meiner Sicht ist dieser Schritt sogar notwendig, sich immer wieder mit den neuen Ideen zu beschäftigen um dann wirklich eigene, individuell passende Antworten zu finden und mit Leben zu füllen. Oder anders formuliert: Bleibt man immer nur unter sich besteht für den Naturkosthandel die Gefahr, sich als Nische schrittweise ins Abseits zu bewegen und so die eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen. Alle drei Referenten lieferten in diesem Kontext wertvolle Ansatzpunkte aus dem jeweiligen Fachbereich: Ein Psychologe, eine Marktforscherin und ein Betriebswirtschaftler präsentierten wissenswerte Fakten, Studien und Theorien rund um den Lebesnmitteleinzelhandel! Allerdings war mein Eindruck, dass die Idee explizit branchenfremde Experten einzuladen leider nur zum Teil aufging...



Spannende Vorträge - aber ohne "Aha"-Erlebnis!

Neue Trends im Naturkosthandel
Podiumsdiskussion mit den Referenten

Die angekündigte Mischung der eingeladenen Redner war vielversprechend. Und tatsächlich bekam ich als Zuhörer zum Teil sehr anregende Einsichten von wirklichen Experten auf ihrem Gebiet, die es zu reflektieren lohnt! Allerdings fehlte mir hin und wieder der konkrete Bezug zur konkreten Fragestellung in einem Bioladen: Heinz Grüne beschrieb den Lebensmittel-Kunden als Individuum, welches in Zeiten zunehmender Unsicherheit nach Verlässlichkeit sucht, die tatsächliche Kaufentscheidung würde aber primär durch Gefühle gesteuert. Bettina Höchli verwies auf den Trend zu Convenience-Produkten, die Möglichkeiten neuer Technologien wie sozialer Netzwerke und den Wert von "Geschichten hinter den Produkte" in der Kommunikation gegenüber Konsumenten. Abschließend zeigte Hendrik Schröder, wie man mithilfe von neuen methodischen Werkzeugen wie dem Category Management das Einkaufserlebnis des Kunden neu gestalten und als Händler steuern kann. Alle drei Referenten blieben aber meines Erachtens konkrete Ansatzpunkte schuldig, wie diese zum Teil offensichtlichen Entwicklungen im speziellen Umfeld des Naturkosthandels wirken - beziehungsweise in welchen Situationen Unternehmer und Ladner vielleicht sogar davon profitieren könnten! Auch die abschließende Podiumsdiskussion brachte hierzu keine neuen Erkenntnisse. So blieb es doch die Sache des einzelnen Teilnehmers, aus dem Gehörten persönliche Rückschlüsse und Konsequenzen für das eigene Tun zu ziehen.

Diskussionsbedarf auf verschiedenen Ebenen

Die Bio-Branche mit neuer Konkurrenz und Dynamik
Herausforderung: Gemeinsam Zukunft gestalten!

Die von mir empfundene Unsicherheit bezüglich der tatsächlich greifbaren Bedeutung der Vortragsinhalte wurde in der anschließenden Diskussions- und Fragerunde dann auch durch die verschiedenen Beiträge der anderen Teilnehmer bestätigt: Anstatt sich wirklich gezielt auf den soeben frisch gelieferten Input zu beziehen, und so die Chance zu nutzen sich mit neuen Themen mit unabhängigen Experten aus zu tauschen, kamen wie auf Kommando wieder die Themen an die Oberfläche, mit welchen sich die Branche für mein Empfinden onehin dauerhaft und mit Leidenschaft beschäftigt: "Öffnungszeiten von Läden", "Fachhandelstreue von Marken" und das "Besinnnen auf alte Werte" waren die Stichworte, die den (für mein Empfinden dadurch leicht irritierten) Referenten um die Ohren flogen! Das war für den Verlauf der Veranstaltung etwas Schade, da ein wirkliches "Gespräch" gar nicht enstehen konnte. Die Reaktion lässt aber doch auch Rückschlüsse auf das Innenleben der immernoch sehr heterogenen Bio-Bewegung zu: Für mich als "Beobachter" erscheint es ganz persönlich immer wieder so, als ob sich viele Idealisten lieber an ihren unterschiedlichen Detailvorstellungen und an persönlichen Befindlichkeiten aufreiben, anstatt sich für die große verbindende Idee auch mal zurück zu nehmen. Auf der einen Seite will man "wie früher Pionier" sein, auf der anderen Seite wehrt man sich gegen Veränderungen und neue Ideen! Irgendwie komisch. :)

Einig war man sich aber durchaus, dass sich der Naturkostfachhandel intensiv mit der Frage nach der Zukunft aktiv beschäftigen muss. Wenn er seine wirtschaftlichen Wachstumschancen nicht anderen Vertriebsstrukturen überlassen und mittelfristtig vielleicht sogar seine (vermeintliche) Rolle als Vorreiter verlieren will, müssen neue Fragen und neue Antworten her. Vielleicht können Veranstaltungen wie das Marktgespräch diesen Prozess in Zukunft besser unterstützen, wenn  an einigen Punkten das Format nochmal angepasst wird: Ich wünsche mir etwas mehr Branchenbezug bei den Referenten und etwas mehr Raum für den Austausch in der Gruppe. Vielleicht kann man ja auch mal ganz "anders" arbeiten, und in einer Art begleitetem Workshop wirklich dazu kommen miteinander zu reden und so gemeinsamen Lösungen für gemeinsame Probleme etwas näher kommen. Ob die Branche hierzu aber wirklich gewillt und fähig ist bleibt für mich auch nach diesem Tag eine entscheidende Frage für die Zukunft!


Simon Döring - Berater für Online-Marketing im Bio-Fachhandel

Das waren also meine persönlichen Eindrücke vom Marktgespräch in Fulda. Aus meiner Sicht war es ein Schritt in Richtung Zukunft, aber es gibt auch durchaus noch Luft nach oben. Ich freue mich auch über Ihre Eindrücke und Rückmeldung hier in den Kommentaren! In jedem Fall bin Ich schon gespannt auf die Folgeveranstaltung im nächsten Jahr...

Simon Döring

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