Erhöhter Mindestlohn im Bio-Fachhandel

Die Mitarbeiter sind das lebendige Herz in einem inhabergeführten Bioladen und sicherlich einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Auf der anderen Seite sind die Personalkosten aber auch der größte Kostenpunkt, und ein erhöhter Mindestlohn stellt gerade kleine Läden vor unternehmerische Herausforderungen! Aus Zahlen und Mechaniken hinter dem Punkt "Personalkosten" leiten sich unternehmerische Fragen ab, die nicht immer einfach zu beantworten sind - wir geben einen Überblick!


Der "Status Quo": Löhne im Naturkosthandel

Faire Preise für Lebensmittel, faire Löhne für die Menschen - einfacher kann der Anspruch des Naturkosthandels kaum formuliert werden! Doch in der Realität gestaltet sich die Umsetzung bekanntermaßen manchmal etwas schwieriger: Schon als im Jahr 2015 der Mindestlohn eingeführt wurde, hatten viele Betriebe die Herausforerung sich mit erhöhten Personalkosten auseinander zu setzen. Offensichtlich war es nicht unüblich, dass Mitarbeiter (insbesondere Aushilfen) auf die Stunde gerechnet weniger als die damals gesetzlich vorgeschriebenen 8,50€ verdienten. Und für manche (insbesondere sehr kleine) Läden war der Zwang, die Mitarbeiter plöztlich besser zu bezahlen, tatsächlich existenzbedrohend! Es ist bis heute ein offenes Geheimnis, dass man als Mitarbeiter in einem Bioladen nicht unbedingt reich wird - viele Menschen (auch Inhaber und Unternehmer) bringen Herzblut und Leidenschaft für die Produkte mit ein, aus finanzieller Sicht gibt es ohne Zweifel aber attraktivere Branchen und Berufe. Die Daten aus unserem Betriebsvergleich zeigen aber auch, dass die Ausgaben für Personal in den letzten 2 Jahren deutlich gestiegen sind: Es waren wirtschaftlich gesehen gute Jahre für den Naturkostfachhandel mit hohen Umsatzzuwächsen und Rekordgewinnen, und viele Unternehmer waren froh auch die Mitarbeiter an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen. Neben Einmalzahlungen (Corona-Boni) wurden auch die Löhne in vielen Unternehmen spürbar erhöht. Eine Stichprobe, die wir auf Basis der Daten aus dem Jahr 2021 durchgeführt haben ergab aktuell einen gezahlten Durchschnittslohn von 12,46€.

Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass ein erheblicher Unterschied bei der Bezahlung von Aushilfen und fest Angestellten besteht: So erhielten die oft nach Stunden bezahlten Aushilfen im Schnitt lediglich 9,75€ was nur minimal über dem in 2021 gültigen Mindestlohn liegt. Die Inhaber bzw. Unternehmer bezahlten sich selbst einen Bruttolohn von über 24 Euro.


Die Mitarbeiter-Struktur: Inhaber, Angestellte, Aushilfen

Die Erhöhung des Mindestlohns auf jetzt 12 Euro (ab Oktober 2022) betrifft im ersten Effekt also primär die Aushilfen. Auch wenn Unternehmer in der Regel fest und langfristig angestellte Mitarbeiter bevorzugen, ist ein gewisser Anteil an Minijobbern oftmals zwingend notwendig, um die Flexibiliät in der Personalplanung zu gewährleisten. Auch spüren Bioläden den Fachkräftemangel zunehmend und tun sich schwer, überhaupt kompetentes und gut ausgebildetes Personal für eine Festanstellung zu finden. Aufgrund ihrer bedeutenden Rolle, die insbesondere treue Mitarbeiter für einen Naturkostfachgeschäft spielen, ist es nahe liegend diese Werschätzung auch durch ein entsprechend höheres Gehalt gegenüber den Aushilfen auszudrücken. Im zweiten Schritt sollte sich der neue Mindestlohn also auf die Bezahlung ALLER Mitarbeiter auswirken, damit der aktuelle Unterschied (in der Stichprobe sind es etwa 3 Euro) zumindest in etwa erhalten bleibt. Unterm Strich bedeutet das also, dass in einigen Bioläden die Personalkosten um etwa 20 Prozent steigen werden;  die Beschäftigung im Fachhandel aber für potentielle Arbeitskräfte zumindest finanziell auch etwas attraktiver wird. Für die Inhaber selbst, die je nach Ladengröße sehr unterschiedliche Rollen übernehmen, sollte sich durch den Mindestlohn erstmal keine direkte Änderung ergeben, sie tragen aber die unternehmerische Verantwortung für das Ergebnis,

Inhaber / Unternehmer Angestellte

Aushilfen

Sind prägend für das Konzept, gerade in kleinen Läden oftmals auch das "Gesicht des Ladens". Für Kunden im Alltag präsent, sollten das Konzept des Ladens bestmöglich repräsentieren. Oft hohe Fluktuation und weniger Identifikation mit dem Laden.
Übernehmen in der Regel Organisation und Führungs-aufgaben, sind in kleinen Betrieben aber auch oft in allen Bereichen integriert. Unterschiedliche Aufgaben, von gelernter Fachkraft über Quereinsteiger bis Führungs-aufgaben in mittleren und großen Betrieben. Übernehmen in der Regel  überwiegend Hilfs-aufgaben die relativ geringe Einarbeitung benötigen
Können ihre Arbeitszeit und Bezahlung frei wählen, in großen Betrieben durchaus attraktive Entnahmen möglich. Haben in der Regel festen Monatslohn und vereinbartes Stundenkontingent, inklusive Urlaubs und Sonderzahlungen. Werden in der Regel nach Bedarf und den tatsächlich gearbeiteten Stunden bezahlt.

Die Rechnung: Möglichkeiten zur Refinanzierung

Die schwierige Frage, die sich die Unternehmer jetzt also stellen müssen, ist also wie man am Ende die erwartbare erhebliche Steigerung der Personalkosten auffangen kann ohne die wirtschaftliche Existenz nachhaltig zu gefährden. So sind nach den guten Ergebnissen in den vergangenen zwei Jahren zwar in einigen Fällen Rücklagen vorhanden, mittelfristig gibt die im Fachhandel gegebene Ertragsstruktur aber kaum Spielraum für eine weitere Erhöhung des größten Kostenpunktes, den Personalausgaben. Wir haben anhand eines Beispielladens mit einem Jahresumsatz von 1,5 Millionen einmal durchgerechnet, in welcher Größeodnung sich die Wirkung der von außen aufgezwungenen Lohnerhöhung zeigen kann, und welche Möglichkeiten sich zur Kompensation rechnerisch ergeben:

Vereinfacht gesagt ergibt sich ein klares Ergebnis: Angesichts der aktuell stagnierenden bzw. sogar sinkenden Umsätze bleibt nur das Werkzeug einer deutlichen Preissteigerung, um durch die sich dadurch ergebende Erhöhung des Rohertrags die Zusatzkosten kurfzfristig aufzufangen! Natürlich kann auch der Inhaber durch eine Verminderung seines eigenen Gehalts (Entnahmen aus dem Ergebnis) dem Betrieb mehr Mittel zur Verfügung stellen. Gerade in kleinen Betrieben (unter 1,5 Millionen Euro Umsatz) sind die Gewinne in ihrer absoluten Größe allerdings oft überschaubar, sodass dieser Ansatz eigentlich direkt zu einer Art Selbstausbeutung (oft über 50 Wochenstunden Arbeit bei einem Jahresgehalt von dann unter 30.000€)  führen würde. Und da in den anderen Kostenkategorien in der Regel kaum wesentliche Einsparungen möglich sind, wird es am Ende der Kunde sein, der diesen neuen Mindestlohn an der Kasse dann zu spüren bekommt. Angesichts der ohnehin nicht ganz einfachen Marktdynamik, einer wachsenden Inflation und weiter zunehmenden Konkurrenz an Bio-Produkten im LEH und auch im Discount muss man davon ausgehen, dass dieser Effekt die Rolle des Naturkostfachhandels am Markt nicht zwingend verbessern wird!

 

Um so wichtiger ist es jetzt für die Unternehmer, die nächsten Monate bereits aktiv zu nutzen um in den Sortimenten jene Produkte und Warengruppen zu identifizieren, die noch am ehesten Spielräume für vertretbare Preissteigerungen geben!


Die in diesem Jahr geplante deutliche Erhöhung des Mindestlohns hat auf der einen Seite eine überaus wünschenswerte Wirkung: Menschen, die im Naturkosthandel arbeiten sollen auch gut bezahlt werden - und wenn Bioläden hierfür hin und wieder Impulse von außen benötigen (wie schon bei der Einführung des Mindeslohns 2015), dann zeigt das nur dass wir im Naturkosthandel noch besser werden können, Wertschätzung für die Menschen in den Betrieben auch finanziell auszudrücken! Auf der anderen Seite steht aber die Frage, in wie weit der Verbraucher in Zukunft bereit (und in der Lage) ist, die Wertschätzung für gute Lebensmittel der "Bio-Branche" eben auch noch deutlicher zu zeigen! Am Ende wird es in jedem Betrieb einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen benötigen, um die zusätzlichen Kosten aufzufangen und dennoch wirtschaftlich zu arbeiten.

 

Wie wir Sie unterstützen können:

Eine Analyse der eigenen Kennzahlen kann helfen, unbekannte Potentiale im eigenen Betrieb zu finden. Als Unterstützung bei der Suche nach ungenutzten Spielräume in der Kalkulation bieten wir neben Einzelberatungen auch Seminare bei binako und Weiling an.