Bioläden vor und nach Corona

Der Naturkosteinzelhandel wächst seit Jahren und scheint auch aus der aktuellen Corona-Krise als einer der Gewinner hervorzugehen. Die aktuellen Zahlen aus unserem Umsatzbarometer zeigen ein starkes Wachstum im März und April. Wir wagen einen Blick auf allgemeine Entwicklungen und Fragen nach der Zukunft des Fachhandels:  Wie nachhaltig ist das Wachstum? Lassen sich aus der aktuellen Situation Rückschlüsse auf grundsätzliche Strategien für Bioläden ziehen?

 


Starkes Umsatzwachstum in März und April

Die letzten Wochen waren auch für Bioladner und die Naturkostbranche insgesamt sehr aufreibend und voller Herausforderungen. Als im März die ersten politischen Maßnahmen getroffen wurden und die Hamsterkäufe einsetzten, durften sich die Bioläden und Biomärkte neben den neuen Hygienevorschriften und sich täglich ändernden Rahmenbedingungen auch mit einem Umsatzwachstum von gut 30 Prozent beschäftigen.

Diese positive Entwicklung scheint sich auch im April und Mai (wenn auch etwas gedämpft) fort zu setzen. Ein deutliches Indiz dafür, dass viele Menschen weiter eher zuhause Essen und daher etwas mehr einkaufen als sonst, solange die Gastronomie in ihrer gewohnten Form nicht geöffnet hat. Rein wirtschaftlich hat die Pandemie also bisher eher positive Auswirkungen auf den Fachhandel. Die Branche profitiert darüber hinaus schon lange von den gesellschaftlichen Trends zu einem bewussteren Umgang mit Umwelt und Natur, der Klimadebatte und einem wachsenden Anteil an Verbrauchern, für die Ernährung mehr ist als einfach „nur essen“ – sondern mit Bedürfnissen nach Genuss und Gesundheit in Verbindung steht. Doch auch wenn die Umsatzzahlen eigentlich sehr optimistisch stimmen wollen wir nicht vergessen, dass es in den letzten Monaten im Fachhandel auch immer wieder einige kritische Themen gab. Viele inhabergeführten Bioläden stehen weiterhin vor großen Herausforderungen und einige wichtige strategische Fragen werden auch in der Zeit "nach Corona" wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Der Branche geht es gut - grundlegende Fragestellungen bleiben

Neben der in vielen Betrieben unbeantworteten Frage der Nachvolge hat vor allem der breitflächige Markteintritt des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels und der Discounter die bestehenden Macht- und Einflussstrukturen am Markt erheblich verändert. Der Naturkosteinzelhandel hatte sich sehr lang (vielleicht zu lang?) fast ausschließlich über seine Produkte definiert und damit auf ein Alleinstellungsmerkmal verlassen, welches eigentlich in anderen Stufen der Wertschöpfungskette (nämlich bei Landwirten und Herstellern) erarbeitet und gewährleistet wird. In der Folge steht mittelfrisitg die Existenzberechtigung von Bioläden als am Markt relevante Einkaufsstätte auf dem Spiel: Inzwischen findet der Kunde eine umfassende Auswahl an Bio-Produkten auch in gut geführten Edeka- oder Drogeriemärkten. Das bemühte Differenzieren und Hervorheben der eigenen Verbandsware gegen „EU-Bio“ im LEH ist spätestens seit der Kooperation von Bioland und Lidl nicht mehr wirklich aussagekräftig. Und seit immer mehr Hersteller entscheiden, in ihrer Vertriebsstrategie nicht ausschließlich auf den Fachhandel zu setzen, ist auch die Identifikation über Partner und Marken zumindest fragwürdig geworden. Für viele inhabergeführte Geschäfte bleibt es darüber hinaus ein wirtschaftlicher Albtraum, wenn in unmittelbarer Nähe ein regionaler oder deutschlandweit BioMarkt-Filialist eine Zweigstelle eröffnet. Bei all diesen Problemen können auch die aktuell beeindruckenden Umsatzentwicklungen nur bedingt beruhigen.

Gibt es eine Zukunft für "Bio aus Überzeugung"?

In Anbetracht  der Diskussionen der Vergangenheit haben sich vereinfacht gesagt zwei Lager gebildet, die sich wie folgt skizzieren lassen: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die durch die neue Konkurrenz ein „Verwässern der Werte“ und letztlich ein Aussterben der Unternehmen befürchten, die schon lange „Bio aus Überzeugung“ betreiben. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass „Bio für alle“ eben auch Kompromisse braucht und der pauschale Vorwurf an konventionelle Hersteller und Einzelhändler, vermeintlich nur aus Profitinteressen Bio-Produkte anzubieten, am Ende die wünschenswerte Dynamik verhindert, dass sich auch größere Unternehmen schrittweise in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln. Für beide Seiten finden sich gute Argumente, und letztlich werden es vermutlich der Fachhandel und seine Partner selbst sein, die einen erheblichen Einfluss darauf haben, in welche Richtung das Pendel schwingt. Doch schon dann, wenn man von „dem Fachhandel und seinen Partnern“ spricht, stellen sich wieder Fragen: Haben inhabergeführte Naturkostläden und Bio-Filialisten wirklich die gleichen Interessen und Perspektiven? Lassen sich hohe Ansprüche an „Bio-Qualität“ und „ökologisches Wirtschaften“ immer konsequent mit „erfolgreichem Unternehmertum“ vereinbaren?  Am Ende muss man sehr individuell differenzieren und aufpassen, dass man in der Diskussion nicht in einen religiös anmutenden Dogmatismus verfällt. Vor allem ist es hilfreich, verschiedene Themen (soweit möglich) inhaltlich getrennt zu halten, wenn man die Entscheidungen der Unternehmen und die Marktentwicklungen sachlich bewerten möchte.

Erste Rückschlüsse aus der Corona-Krise

Nimmt man nun die aktuelle Corona-Situation als Indikator, zeigen sich verschiedene Aspekte, welche die Komplexität der Frage nach „der Zukunft des Fachhandels“ verdeutlichen - aber eben auch mögliche Antworten aufzeigen: So wird es offensichtlich, dass sich auch in unserer Branche in der Regel die großen Betriebe aller Wertschöpfungsstufen leichter damit tun, Krisen zu überstehen. Sie können vorübergehende Umsatzeinbrüche besser verkraften und ihre internen Strukturen mit größeren (kreditfinanzierten) Investitionen an neue Anforderungen anpassen. Kleine Einzelhändler, Manufakturen und ländliche Höfe haben dagegen in der Regel kaum Rücklagen und sind durch nicht vorhersehbare Ereignisse schnell in ihrer Existenz bedroht. Gleichzeitig wird Verbrauchern in der aktuellen Phase aber durchaus bewusst, dass lange internationale Lieferketten für das gesamte System erhebliche Nachteile bedeuten können. Tatsächlich konnten wir mit Freude beobachten, dass gerade kleine Handelsbetriebe sehr flexibel, kreativ und pragmatisch auf die neue Situation reagieren konnten und so tatsächlich auch Argumente für die oben in diesem Artikel in Frage gestellte "Existenzberechtigung" liefern:

  • Die direkte Zusammenarbeit und Kooperation mit regionalen Herstellern, Landwirten und anderen Unternehmen vor Ort schafft essentiell wichtige Unabhängigkeit, die gerade in Krisen ihren Wert zeigt.
  • Hofläden, Direktvermarkter und authentisch geführte Bioläden können das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Einfachheit des Konsums mit persönlicher Präsenz und Engagement mit Leben füllen.
  • Das pragmatische Erweitern des Angebots (z.B. um einen flexiblen Lieferdienst) schafft Nähe zum Kunden kann neue Umsatzpotentiale für die Zukunft eröffnen.

Fazit:

Blickt man aus wirtschaftlicher und marktstrategischer Perspektive auf den Markt, wird in der aktuellen Phase eines deutlich: Wenn sich Bioladner als Unternehmer verstehen, die aktiv handeln und sich als Dienstleister auf Augenhöhe mit den Kunden positionieren, ergeben sich ausreichend Möglichkeiten für eine erfolgreiche Zukunft. Ob dabei jemand „Bio aus Überzeugung“ macht oder nicht, spielt in diesem Kontext eigentlich keine Rolle. Es sind am Ende aber sehr persönliche Eigenschaften und Abwägungen der in den Unternehmen tätigen Menschen und der Verbraucher, die über diesen Erfolg (mit-)entscheiden.


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